Burg Gutenfels – Beschreibung des ehemaligen Zustandes

Bei der jetzt folgenden Beschreibung des ehemaligen Zustandes der Burg zur Zeit der Invalidenbesetzung ist ein Manuskript benutzt, welches der Verfasser vom Glasermeister Aug. Ritzel in St. Goarshausen erhalten hat. Dieser hat es abgeschrieben (1848) von einer Handschrift des pensionierten Lehrers Müller, welcher im Lehrerseminar zu Heidelberg ausgebildet, seit Anfang des Jahrhunderts bis 1842 die Lehrerstelle in Caub inne hatte und 1855 starb. Er war der Sohn eines kurpfälzischen Korporals, der in Gutenfels lag und etwa 1790 selbst Lehrer in Caub wurde, bis er diese Stelle an seinen Sohn übergab. Dieser hatte alle Örtlichkeiten und ihre Bestimmungen in gutem Gedächtnis erhalten und mündlich und schriftlich auf seine Schüler gelangen lassen.

Nicolai von Astudin: Blick über die Burg Gutenfels auf den Rhein

Der alte, recht steile Fahrweg von der Stadt zum Schloss geht hinter den Häusern Caubs her zwischen Weinbergsmauern, den Park immer rechts lassend bis zum Hauptchor.

Vor dem Hauptchor befand sich ein über 30 Fuß tiefer Graben, über welchen zwei Zugbrücken in Form eines rechten Winkels gelegt waren, über dem Thor hing ein schwer mit Eisen beschlagenes Fallgatter in zwei starken Ketten.

Von den beiden rechterhand unter dem Bogen befindlichen Kammern (frühere Stallungen) diente die eine zum Aufbewahren der Gewehre der Wachmannschaft, die andere als Gefängnis. Sowie man durch den Bogen gelangt war, betrat man wieder eine Zugbrücke über einem schmalen, mit Wasser angefüllten Graben, der mit dem Abflusskanal des Weihers in Verbindung stand. Über dem Bogen stand die Wohnung des Schlossverwalters, die eine Stube, Kammer, Küche und Speicher enthielt, eine jetzt noch vorhandene Steintreppe führte aus dem Hof zur Wohnung und auch zur Zwingermauer. Der Schloss-Hof ist ohne Zweifel dadurch entstanden, dass man dorther das Steinmaterial zum ersten Burgbau entnommen hat. Der Hof war teils gepflastert, teils mit Platten belegt, links stand ein beständig laufender Röhrbrunnen und ein noch vorhandener, aber nicht mehr gebrauchter Ziehbrunnen. An der hohen Felswand links liegt ein in den Felsen ausgeschroteter Keller, 14 Meter lang, 5 1/2Meter breit und 3 bis 5 Meter hoch; in diesem Keller befindet sich ein Brunnen mit sehr gutem und kaltem Wasser. Das überfliesende Wasser des Brunnens geht auch jetzt noch in einen kleinen Weiher, der von hohen Bäumen und Sträuchern beschattet, umgeben von Fels und altem Gemäuer, den Platz um so romantischer macht. Ringsum im Hof waren steinerne Bänke angebracht, auch waren da eine Kegelbahn, Tische und hölzerne Bänke, wo an Sonn- und Feiertagen die Bürger und ihre Frauen bei einem Glas Bier sich unterhielten.

Die Kaserne, welche den Hof auf der Südseite und auch gegen die schöne Aussicht ins Rheintal schloss, bestand aus drei Stockwerken, von denen das untere aus Mauerwerk, die oberen aus Holzfachwerk mit Schiefer bekleidet, aufgeführt war; sie enthielt im unteren die Wohnung des Adjutanten, des Marketenders, eines verheirateten Feldwebels und eines Trommlers. Die 21 Kammern der oberen Stockwerke waren die Quartiere von je 5 Mann Invaliden. An die Kaserne schloss sich nach dem hohen Felsen hin ein ebenfalls dreistöckiges Gebäude an, in dessen unterem Stockwerk die Totenbahre und verschiedenes Handwerkszeug, im oberen aber eine Hand-Mühle sich befand.

Vom Hof gelangte man unter einem Bogen nach dem oberen Schloss. Über dem Bogen, wo jetzt die Saal- Terrasse mit dem wunderbaren Ausblick auf Caub, die Pfalz und das Rheintal, stand ein ziemlich geräumiges zweistöckiges Haus, welches von einem Unteroffizier mit seiner Familie bewohnt wurde; die noch vorhandene Steintreppe führte zu diesem Gebäude.

Vor der Treppen-Rampe im jetzigen Schlossgarten lag die Kommandanten-Wohnung, ein in Holz zwei Stockwerke hoch aufgeführtes Gebäude. Auf der rechten Seite des Eingangs wohnte der Kommandant, linkerhand im ersten Stock der Arzt und im zweiten ein Unteroffizier.

Zwischen der Kommandanten-Wohnung und der Urburg (dem Palas), genau da, wo jetzt unter der Freitreppe der Haupteingang für den Weinkeller, befand sich ein großer Backofen, der erst in neuester Zeit abgebrochen worden ist. Der Herd dieses Backofens bestand aus metergroßen roten Sandsteinplatten, die auf beiden Seiten bearbeitet und mit Nute und Stab versehen, wohl ursprünglich von einem Wasserbehälter herrührten. Die Urburg (der Palas) enthielt nach der Rheinseite den großen Rittersaal, in welchem Adolph von Nassau seine Ernennung zum König von Deutschland erhielt; in Erinnerung hieran erhielt der Saal den Namen Königssaal auch Kaisersaal. Auf der entgegengesetzten Seite war der Rüstsaal, in welchem vormals allerlei Waffen und Gerätschaften aufbewahrt wurden. In dem Turm, dem Bergfried, befindet sich unten das Burgverlies und ein geheimer Gang, der bei näherer Untersuchung sich als Grube für einen darüber befindlichen Abtrittschlot herausstellte.

Alle Teile der Urburg waren zur Zeit der Invalidenbesatzung unbewohnt.

Auf dem unteren Platz vor der Kommandanten-Wohnung standen drei eiserne Kanonen, während hinter der Kommandantur und der Rampe ein Bleichplatz lag, von dem eine Treppe an einem Wachttürmchen vorüber zu der niedlichen Kapelle führte. Darunter, wo jetzt das gewölbte Gartenzimmer ist, war die Pulverkammer. Ihrem Eingang gegenüber lag ein gewölbter Raum für Holz, Pechkränze, Steinkohlen, Leitern etc. Auf seiner Ecke, nach dem Rhein zu, erhob sich ein Wachttürmchen.

Zwischen der Pulverkammer und dem Magazin steigt man mehrere Treppen hinab zum „Spanischen Kirchhof.“ Von da führte links ein Ausfallpförtchen (jetzt verschüttet) in die Weinberge – nach der Kalkgrube hin – und rechts einige Stufen tiefer nach der runden Bastei, auf welcher vormals drei eiserne Kanonen standen, darunter ein Zwölfpfünder „der Große Wolf“ genannt. Unter dem Boden der Bastei ist eine Casematte, jetzt mit Schutt und Erde angefüllt. Von der Bastei führt gleichfalls ein Ausgang durch den Park nach der Stadt.

Außerhalb des Schlosses, wo jetzt der zweite Kehrpunkt des vom jetzigen Besitzer neuangelegten Fahrweges liegt, stand an dem Felsvorsprung nach dem Blüchertal hin ein kleiner Wachtturm, aus dem man beobachten konnte, was an der Landstrasse des Einrichgaues herzog.

Der Bergfried und der Palas sind gleichzeitig erbaut, man kann das leicht erkennen an dem Stein-Verband in den Winkeln, wo beide einander berühren. Der Palas aber gehört der Übergangszeit vom romanischen zum gotischen Stil, der Mitte des 13. Jahrhunderts an, wie die teils runden. teils kleeblattförmigen Blenden der Fenster zeigen. Diese Blenden, die unten in halben Kleeblattbogen mit einem Wulst und oben rundbogig mit je zwei Wulsten gewölbt sind, die sich auf gleichdicke Säulchen mit kelchförmigen Kapitälen stützen, bestanden aus ganz verwitterten Tuff-Mauersteinen, die genau in der alten Form erneuert worden sind.

Die Mitte des oberen Stockwerks ist unterbrochen durch zwei ausgekragte Schornsteine; sie sind getragen durch je zwei Tragsteme, zwischen denen sich ein Rundbogen mit je drei kleinen Füllbögen als Verzierung wölbt.

Unter diesen Schornsteinen ist jetzt an Stelle eines wohl früher vorhandenen Holz-Erkers ein Haustein-Erker herausgebaut und unter diesem ein Standbild des „Adolph von Nassau“, ausgeführt durch den Bildhauer Renard in Köln, aufgestellt.

Im Innern sind die Fenster mit Stichbögen überwölbt und waren mit gemauerten Sitzbänken versehen, die jetzt durch Eichenholz-Bänke ersetzt sind.

Im Rittersaal war ein schöner Kamin, von zwei Säulen begrenzt, mit noch einem Tragstein vorhanden, der andere Tragstein war abgebrochen und fand sich im Schutt wieder.

Die Säulen des Kamins haben romanische Laubkapitäle und breite fast tellerförmige attische Basen mit tiefeingeschnittener Hohlkehle. Der rechtsseitige Schornstein gehörte zu diesem Kamin; für den linksseitigen Schornstein ist der Kamin der ganz weggebrochen war, genau in derselben Form erneuert worden.

Der Innenhof, der Vorder- und Hinter-Gemächer trennt, ist 6,10 Meter breit und 18 Meter lang und war ringsum mit Holzgalerien umgeben, die wieder hergestellt sind. In der Mitte steht als schönste Zierde ein mächtiger Kirschbaum, der die Dächer überragt; um dessen Wurzeln zu schützen, musste der hintere Teil des Hofes erhöht werden.

Beim Bau der Urburg hat man, – wie es die alten Meister liebten, – in der Anlage einfache geometrische Verhältnisse zur Anwendung gebracht. An den quadratischen Palas, 21,80 Meter lang, 22,30 Meter breit, stößt der ebenfalls quadratische Bergfried, der in die Palasmauer eingreift, 10,30 Meter auf 10,25 Meter misst und eine Seite (keine Ecke) dem Angriff entgegen hält. Der Bergfried ist im Innern rund mit 3,80 Meter Durchmesser, die Rundung liegt aber nicht in der Mitte des Quadrats, sondern so, dass die Mauern nach Osten (Angriffsseite) 4,40 Meter und nach Süden 4 Meter stark sind, während sie nach der Nord- und West-Seite nur 2,40 und 2,70 Meter messen.

Der eigentliche Eingang zum Bergfried führte auf einer steilen, durch den jetzigen Besitzer erneuerten Holztreppe, vom Dachstock des Palas bis zu dem etwa 16 Meter hohen Absatz und durch eine rundbogige Tür zu der Balkendecke über dem Verließ.

Von da an ist der innere Raum nicht rund, sondern quadratisch mit entsprechend dünneren Mauern noch drei Stock hoch aufgeführt und durch Ausschroten der Mauern an den Scharten für Geschützverteidigung eingerichtet. Vom zweiten zum dritten Stock führt in der südlichen Mauer eine 1 Meter breite sehr ausgetretene Steintreppe.

Noch zum alten Bau „zur Urburg“ gehört wohl die gerade auf den Palas-Eingang gerichtete und durch mehrere Stufen unterbrochene lange Rampe, die an einer dicht vor der Eingangstür liegenden Zugbrücke, – da wo jetzt der Vorhallen-Bau steht – endigte. Hier fand sich in der Palasmauer ein 3,46 Meter weites vermauertes Bogenfenster, von dem aus die Anstürmer noch bekämpft werden konnten. Dieser beim Ausbau geöffnete Bogen mit Rundstabprofil, liegt jetzt mitten im Speise-Zimmer und gibt diesem seine originelle Art.

Solche Rampen gehören zu den Seltenheiten bei deutschen Burgen, kommen häufiger an den normannischen Burgen in England vor.

Durch die unvergleichlich schöne Lage von Gutenfels und die noch sehr gut erhaltenen Mauern der Ruine des Schlosses wurde der jetzige Besitzer bestimmt, sich an den Wiederaufbau heranzuwagen und ein möglichst getreues Bild des alten Schlosses wieder herzustellen; ein ängstliches Anschmiegen an die alten Formen in Bau und Ausstattung wurde vermieden, da ja eine Wohnstätte geschaffen werden sollte, die den Bedürfnissen einer anspruchsvolleren Culturzeit gerecht wird und in der es sich schön und behaglich leben lässt.

Der Bau wurde 1889 im Frühjahr begonnen und 1892 im September vollendet.

Über eine große Freitreppe kommt man in den Hallen-Vorbau, der im oberen Stock das Speisezimmer enthält, von da nach dem Innenhof mit umlaufender Holzgalerie. Der alte Rittersaal ist beibehalten, nur ein Treppenhaus davon abgetrennt; er ist mit Holzdecke, Holz-Wandbekleidung mit Sitzbänken versehen und darüber mit Bildern aus der Geschichte der Burg geschmückt (Adolph von Nassau, – Grundsteinlegung, – Hochzeit des Richard von Cornwallis mit Beatrix von Falkenstein, – Ernennung des Burggrafen Adolph von Nassau zum deutschen König, – Belagerung des Schlosses durch die Hessen 1504, – Wiederaufbau durch Pfalzgraf Ludwig). Auf dem linksseitigen Kamin sind die Wappen der Falkensteiner Besitzer bis 1277, auf dem rechtsseitigen die der Pfalzgräflichen Besitzer bis 1508, in den Fenstern die der Burggrafen und im Fries unter der Decke die Wappen der Burgmänner angebracht; die tiefen erkerartigen Fensternischen sind mit Sitzbänken versehen.

Im nördlichen Bau, gegenüber dem Rittersaal, liegt die große Küche und daran anstoßend ein Vorbau mit darunter liegendem Hauskeller. An Stelle des Rüstsaales liegt das Arbeitszimmer des Herrn mit ausgebautem großem Erker und gemalter Holzdecke, ein wohnlicher kühler Raum mit interessanter Aussicht nach dem Blüchertal.

Die Treppe nach dem oberen Stock, die früher vom Hofe frei auf die Galerie führte, liegt jetzt im Vorder-Bau am Rittersaal. Im oberen Stock nach dem Rhein zu über dem Rittersaal liegt in einer Flucht und nur durch schwere Vorhänge getrennt ein Vorzimmer, ein Wohnzimmer mit großem Erker und der Salon.

Diese Räume haben Holztäfelung, Wandbekleidung mit größtenteils antiken Füllungen und Parkettböden; die Aussicht besonders vom Wohnzimmer-Erker aus nach den Uferbergen, dem Rhein, der kleinen Pfalz im Rhein und der Stadt Caub ist großartig schön und durch den lebhaften Schiffsverkehr auf dem Rhein und die Bahnlinien auf beiden Ufern immer abwechselnd.

In direkter Verbindung mit dem Salon und zugänglich von beiden Gallerteseiten liegt am westlichen Giebel und im Vorhallen-Bau das große, durch den schon erwähnten Mauerbogen interessante Speisezimmer mit teils halbkreisförmiger, teils flacher reichbemalter Holzdecke, eichenen Wandbekleidungen und reicher Wandmalerei.

Alle diese Zimmer sind mit ächt antiken Mobilien. Geräten, Waffen etc. ausgestattet. Im Nordbau folgt nun ein Schlafzimmer mit Erker, reich bemalter Holzdecke und ausgestattet mit Möbeln im romanischen Stil. Daneben liegt das Wasch- und Bade-Zimmer mit Kalt- und Heiß-Wasserleitung und zwei Wohn- resp. Schlaf-Zimmer. Alle Räume sind heizbar und haben direkten Zugang von dem – „Umgang“ – der Galerie.

Im Dach-Stockwerk ist ein großer Bodenraum, Bodenkammern, drei Fremdenzimmer und zwei Dienstbotenzimmer.

Die Wohnung des Verwalters ist an der alten vorher beschriebenen Stelle über dem Haupt- Thor-Bogen wieder hergerichtet.

Unter dem Rittersaal ist das Kelterhaus und der Gärkeller. Vom Kelterhaus gelangt man durch einen gewölbten Gang in die mehrere Stufen tiefer nach der Nordseite belegenen hohen teils im Fels ausgearbeiteten geräumigen alten Lagerkeller.

Der Bergfried ist nicht ausgebaut und nur darin über dem alten Burgverlies ein großes Wasser-Reservoir angelegt, von dem aus die Rohrleitungen durch den ganzen Bau bis in den Garten führen. Dieses Reservoir wird gespeist durch eine neu angelegte Hochdruck-Wasserleitung, die mehr als ausreichendes gutes Wasser liefert.

Die Gartenanlagen sind einfach gehalten, aber durch die vielerlei Terrassen, kleine Auslugtürmchen und alte mit Efeu, Kletterrosen und wilden Wein überwucherte Mauerreste interessant; der Park mit vielen mächtigen Nussbäumen, Eichen, Akazien etc., allerhand Gesträuch, Gewirr von Schlinggewächsen und seinen schönen Ausblicken ist wild, doch eigenartig.

Die früher recht schlechten Zuwege zum Schloss sind durch Anlage eines bequemen Fußweges, der direkt von der Stadt aus in 10 Minuten nach oben führt, verbessert worden, und im vorigen Jahre ist eine neue, 5 Meter breite circa 600 Meter lange mäßig steigende Fahrstrasse, ausgehend von der Chaussee im Blüchertal, angelegt.

Im Laufe der Jahre ist es dem Besitzer auch gelungen, die früher zum Schloss Gutenfels gehörigen, von der nassauischen Verwaltung, wie schon erwähnt, im Anfang dieses Jahrhunderts verkauften, in schönster Südlage am „Schlossberg“ bis zur Stadt hinunter zusammenhängend belegenen Weinberge, sowie einige Gärten und das sogenannte „Grafenhaus“ zurück zu erwerben und so den ursprünglichen Besitz wieder herzustellen.