Freistaat Flaschenhals – Besuch beim Franzmann

In dieser Zeit lud mich einmal der Kommandant in Rüdesheim, ich glaube es war Graf Percin, zu einer Besprechung ein, angeblich, um mit mir zu verhandeln wegen Paßangelegenheiten. Der Herr Graf empfing mich mit ausgesuchter Höflichkeit, drückte mich in einen Sessel, und es entspann sich nun eine interessante Unterhaltung. Der Herr Graf begann, indem er versicherte, daß wir Deutsche doch ein merkwürdiges Volk seien, z. B. ließen wir Flaschenhälsler uns einfach von unseren Kreis- und Regierungsbehörden trennen, und das Gebilde des Flaschenhalses sei doch eigentlich eine höchst merkwürdige Geschichte. Bezüglich des letzteren konnte ich dem Herrn Grafen unbedingt zustimmen.

Er wollte nun wissen, wie denn der Flaschenhals konfessionell und politisch zusammengesetzt sei, ob wir Katholiken, Protestanten und Juden hätten, ob wir Sozialdemokraten, Nationalisten, Zentrumsleute und Demokraten und schließlich, ob wir denn auch Bolschewisten hätten. Der Einfachheit halber bejahte ich alle Fragen, muß allerdings zu meiner Schande gestehen, daß ich mit den Bolschewisten eine große Eselei begangen hatte, denn nun fühlte der Herr Graf plötzlich Mitleid mit uns. „Bolschewisten haben Sie, das ist sehr gefährlich,“ meinte er und verwies dabei auf die Zustände im Innern Deutschlands. Ich haben den Herrn Grafen beruhigt, indem ich ihm zu erklären versuchte, daß unsere Bolschewisten nicht gerade die gefährliche Sorte sei.

Um jetzt wieder zum Thema zu kommen, warf der Kommandant die Frage der Lebensmittelversorgung des Flaschenhalses auf, und er renommierte etwas arg mit amerikanischem Speck und ähnlichen kulinarischen Dingen. Er meinte zusammenfassend, die Tatsache, daß wir von den Bolschewisten bedroht seien und das besetzte Gebiet vor diesen Leuten gesichert sei, daß ferner das besetzte Gebiet mit Lebensmitteln glänzend versorgt sei, müsse uns doch eigentlich veranlassen, die Einverleibung in das besetzte Gebiet zu wünschen. Der Herr Graf meinte, daß wir dann nach jeder Hinsicht gesichert seien, daß wir keine Garnison bekämen, höchstens einige Gendarmen zu unserem Schutz. Ich konnte darauf dem Herrn Grafen mit der Speisekarte des Freistaates antworten, die, wie ich schon sagte, weit reichhaltiger war als die des besetzten Gebietes. Aber der Herr Kommandant war so leicht nicht zu überzeugen, und er versuchte mir immer wieder darzutun, wie schön es sei, dem besetzten Gebiet anzugehören. Nun erbrachte ich den zweiten Beweis dafür, daß ich nicht zum Diplomaten geboren bin. Ich wollte nämlich von dem Herrn Grafen loskommen, und um das zu erreichen, erwiderte ich ihm, daß die Deutschen gar nicht so schlimm seien, wenn sie satt zu essen und Schuhe an den Füßen hätten. Ich glaubte sogar, daß er nicht hier in Rüdesheim säße, wenn wir im Weltkrieg satt zu essen gehabt hätten.