Freistaat Flaschenhals – Das „Glückhaft Schiff“ von Lorch

Bekanntlich sollte Deutschland nach dem Waffenstillstandsabkommen dadurch gefügig gemacht werden, daß man es weiter hungern ließ.

Druck aber erzeugt Gegendruck und so ist denn recht viel an Lebensmitteln aus dem besetzten Gebiet in das unbesetzte Gebiet hereingeschafft worden, dafür war der Flaschenhals wie geschaffen. Die Chose ging sehr einfach: Abends lief ein Motorschiffchen auf der „Reede“ von Lorch ein, die geschützt hinter den Lorcher Inseln liegt; geheimnisvolle Kräfte luden das Motorschiff aus und das verschwand ebenso still und unerkannt wie es gekommen war. Noch in der Nacht wurden die für die Ernährung des deutschen Volkes notwendigen Lebensmittel in Scheunen verstaut und am anderen Morgen setzte sich eine Karawane von 20 bis 25 Fuhrwerken in Bewegung, in der Richtung Limburg. Zu dem Thema will ich nicht mehr schreiben: aber das eine darf ich sagen, wenn in Deutschland manche Stadt und manches industrielle Werk vor Hungerstreiks bewahrt gelieben sind, so haben sie das den Heinzelmännchen zu verdanken, die damals in Lorch tätig waren. Der Pastor segnet sich zuerst und so wird man es verständlich finden, daß die Bewohner des Freistaates Flaschenhals sich zunächst der segensreichen Tätigkeit der Heinzelmännchen erfreuten und nicht ohne Stolz darf der Chronist melden, daß der Freistaat Flaschenhals wohl das Gebiet Deutschlands war, das als erstes die Lebensmittelkarten, Brot- und Kartoffelkarten ausgenommen, abschaffen konnte.

Eine helle Freude war es für mich, die zahlreichen entflohenen deutschen Kriegsgefangenen und so manchen politischen Flüchtling ungefährdet durch unseren Freistaat ins Innere Deutschlands zu geleiten, die bei Nacht und Nebel, Zuflucht heischend, in dem Flaschenhals todmüde und hungrig ankamen.

Das war wahrlich kostbares Gut, welches wir ins Innere Deutschlands schmuggelten, und lohnte allein überreich all den Aerger und Verdruß, den die Verwaltung des Freistaates nun einmal bereitete.