Freistaat Flaschenhals – Die fließende Grenze

Manch kritische Stunde erlebten wir im Flaschenhals, weil es die Feindmächte mit der Grenze unseres Gebietes nicht allzu genau nahmen, weshalb denn kleine Grenzüberschritte nicht zu den Seltenheiten gehörten; namentlich hatte man es auf unsere Straße Lorch-Limburg abgesehen, die ja die einzige Lebensader war, welche uns mit dem inneren Deutschland verband. Mitunter war die Grenze über Nacht verschoben worden und wir mußten uns halt wieder einen neuen Weg suchen. Einmal hatte man zwischen Egenroth und Laufenselden die Grenze so gezogen, daß ein Fuhrwerksverkehr nicht mehr möglich war, wir also in der Mausefalle gefangen saßen. Durch geschickte Verhandlung des Landrats Büchting mit dem zuständigen französischen Abschnittskommandeur war es gelungen, die Grenzziehung so zu erreichen, daß uns gerade noch ein Durchkommen möglich war.

Die kritischen Stunden, die ganz Deutschland in den ewig denkwürdigen Tagen durchmachte, als es um die Unterzeichnung des Friedensdiktats von Versailles ging, waren für uns besonders bitter.

Die ganze Grenze war stark besetzt und kein Mensch konnte aus der Mausefalle heraus. Drüben, jenseits des Rheins, in Niederheimbach, Rheindiebach und Bacharach waren Truppen untergebracht, die nun andauernd die Rheinorte im Flaschenhals unter ihre Scheinwerfer nahmen. Ob der Feind wohl wirklich glaubte, Truppenbewegungen im Flaschenhals feststellen zu können?