Freistaat Flaschenhals – Vier Tage von Lorch nach Kassel

Nachdem wir auf diese Weise mit Deutschland Fühlung genommen hatten, gingen wir an die Organisation des Flaschenhalses. Was sollte mit dem Häuflein Menschen werden, das, aus drei Kreisen und drei Gerichtsbezirken bestehend, zwischen den feindlichen Bajonetten eingekeilt war? Die Geschäfte der Regierung in Wiesbaden wurden der Regierung in Kassel übertragen. Wir sahen unsere Adoptiv-Bezirkshauptstadt in der Flaschenhalszeit recht selten, denn damals brauchte man, um von Lorch nach Kassel zu kommen, bald ebenso viel Zeit, wie heute der Zeppelin braucht, um von Friedrichshafen nach New York zu fahren. Ich weiß jedenfalls, daß ich im Jahre 1919, als ich meine Aufwartung in Kassel machte, einen Tag bis Limburg brauchte, dort übernachten mußte, weil nachts keine Züge fuhren, am anderen Tag nur bis Gießen gelangte und dort die Nacht im Bahnhof zubrachte, um am andern Morgen nach Kassel weiterzureisen, wo ich erst abends eintraf, um endlich am vierten Tag der Reise zur Regierung gelangen zu können. Da aber auch der Verkehr mit unserer Kreisstadt sehr erschwert war, übertrug Landrat Büchting mir die „Schlüsselgewalt“. Die äußerenn Zeichen dieser Schlüsselgewalt waren die Siegel des Landrats in Limburg und das Wörtchen „Im Auftrag“.

Wenn man bedenkt, daß hier vielfach mit dem Landratssiegel regiert werden mußte, wenn man weiter bedenkt, daß eine persönliche Fühlungnahme mit der Auffsichtsbehörte fast unmöglich war, daß die Schriftstücke, Gesetzblätter u. dergl., um nach Lorch zu gelangen, viele Tage brauchten, so kann man verstehen, daß im Flaschenhals eine geradezu ideale Selbstverwaltung herrschte – und dieser eigenartigen Selbstverwaltung verdankt auch der Flaschenhals das Prädikat „Freistaat“.