Kaub – Geschichten: Der Bergrutsch am 10.3.1876

Unter den zahlreichen Notständen und Unglücksfällen, durch welche der Winter 1875/76 im deutschen Vaterlande und anderwärts sich ein trauriges Gedächtnis für lange Zeit gestiftet hat, hat das romantisch in einer Biegung des Rheinstromes gelegene Städtchen Caub in ganz eigentümlicher Weise leiden müssen. 5 Monate lang hielt der Winter den Strom gefangen. Die zahlreichen Kapitäne, Steuerleute, Schiffer und Nächler, welche einen großen Teil der Bevölkerung repräsentieren, hatten gegen ihren Willen allzulange Ferien, die „Schiffischen“, wie man hier die ganze Kategorie nennt, gingen schon längst ungeduldig am Ufer umher; ein ganzes Halbjahr ohne Verdienst macht fleißige Leute nicht munter. Aber das Schlimmste sollte erst noch kommen. Schon seit einigen Jahren hielt der über der Stadt liegende Berg-Distrikt „Kalkgrub“ die Cauber in Angst. Hier hatte sich eine Partie Felsgestein und Weinbergsgelände von einer schluchtartigen Unterlage abgelöst und war in einer Masse von etwa 100 000 cbm in stetiger langsamer Bewegung gegen die mittlere Stadt hin, wo die hintere Häuserreihe dicht am Fuße des Gebirges angebaut ist. Mit Hilfe eines erklecklichen Staatszuschusses von 45 000 Thalern hatte die Stadt die Ablegung der Rutschmasse in der Weise begonnen, daß das zerbröckelnde Felsgestein losgelöst und die Stadt gegen diese, den Abhang bildende lose Masse, durch eine auf 30 Fuß dicke Mauer geschützt wurde. Der unendliche Wasserreichtum des Winters, unterstützt durch unterirdische Wasserläufe, welche das ganze Erdreich der rutschenden Masse in eine Art Brei verwandelten, führte allen Hindernissen zum Trotz die plötzliche Ablegung der obenaufliegenden Erdschicht samt der begonnenen Mauer auf die Häuser und ihre beklagenswerten Insassen herab, die früher schon einmal auf polizeiliche Weisung aus ihren Wohnungen auszogen, sich nach und nach wieder in denselben niedergelassen hatten in der Hoffnung, es werde ohne Unfall abgehen.

Nur die ältere Familie Pfaff, deren Haus unter dem Zentrum der Rutschgegend lag, war in den letzten Tagen ängstlich geworden, hatte für den 11. März ihren Auszug in ein anderes Quartier beschlossen und wollte in der letzten Nacht Wache halten. Als die Ehefrau Pfaff gerade mit dem Nachtwächter aus der Wohnung getreten war und sich noch mit ihm über das zeitweise Knacken und Knistern in Haus und Scheune unterhielt, begannen plötzlich – es war 11 1/2 Uhr nachts am 10. März – die Nachbarhäuser zu wanken, zu krachen und einzustürzen. Lautlos war die nasse Erdschicht herabgeglitten und hatte die Schläfer überrascht. Die 5 am Berg stehenden Häuser fielen der Reihe nach auf die schmale Straße und die gegenüberstehenden größeren Gebäude „zum Adler“ (Wilh. Kimpel), „zum Grünen Wald“ (Heinr. Erlenbach), „zur Stadt Heidelberg“ (Lippert & Zentgraf), wurden mit umgerissen.– Alles in 2-3 Minuten.

Kauber Bergrutsch 1876, eine Fotoaufnahme kurz nach der Katastrophe

In das Krachen der brechenden Balken, der stürzenden Dächer und Backsteine mischte sich der Jammerruf derer, die noch eine Stimme von sich geben konnten. Frau Pfaff stürzte hilferufend in die Hauptstraße, ihr Mann und Sohn waren noch in dem stürzenden Hause zurück. Doch hatte der Sohn Energie genug, den schlafenden alten Vater aus dem Bette zu reißen und ihn die steile Treppe herab, unmittelbar unter den zusammenbrechenden Gebäuden weg, fortzuschleppen. Auf den Hilferuf der Frau Pfaff war im Hinterhaus „zum Adler“ der jüngere Pfaff mit seiner Frau aus dem Fenster des 1. Stockwerks auf die Seitenstraße gesprungen. Im oberen Stockwerk schliefen eine Frau Heftrich mit 2 Kindern, der Mann hatte Nachtschicht im Bergwerk. Die Frau springt aus dem Bett zum Fenster,sieht das gegenüberstehende Haus herüberfallen, rafft ihre Kinder auf die Arme, eilt die Treppe hinunter über den kleinen Hofraum und rüttelt an der verschlossenen Hintertür des „Adlers“. Frau Kimpel im „Adler“ wollte eben ins dritte Stockwerk laufen, um ihre größeren Kinder zu wecken. Da hört sie zur rechten Zeit das Rütteln und Rufen, öffnet schnell die Hoftür und läßt die 3 halbnackten Flüchtlinge herein, im selben Augenblick donnert schon, das ganze Hinterhaus gegen das Vorderhaus – einen Moment später und die 3 wären von den Balken zerstampft gewesen. Im Zentgraf’schen und Erlenbach’schen Hinterhause retten sich die Dienstmädchen mit knapper Not. Das eine Mädchen war samt dem Bett durch den Fußboden in eine Remise hinabgestürzt und kam schreckenbleich aus dem Schutt hervorgekrochen. So waren 10 Personen dem Tode wie durch ein Wunder Gottes entronnen. Aber ach! Begraben lagen 28 Personen unter dem greulichen Schutthaufen, der da hinten an der Bergwand aufgetürmt war. In den Trümmern des Siebert’schen Hauses hört man Hilferufe. Da liegen 3 Lebende, ein seit 3 Wochen verheiratetes Paar und ein junges Mädchen. Hier gilt es zu helfen. Mit Todesverachtung arbeiten sich beherzte Männer unter dem Gewirr von Balken, Möbeln und Schutt zu ihnen hin und bringen sie nach unsäglicher Mühe lebend her- aus. Weiter konnte niemand gerettet werden. Schaurig hallten durch die Nacht die Stimmen der Männer, welche in die Öffnungen des Trümmerhaufens hineinriefen: „Siebert, lebst du noch? – „Pfaff, lebst du noch? – Hehner, Dillenburger, lebt ihr noch?“ – Keine Antwort. Sie waren und blieben verschüttet. Es waren die Eheleute Siebert, die ganze Familie Pfaff (6 Personen), ebenso Hehner und Dillenburger je 6 Personen, das Ehepaar Gehrer nebst Sohn, die Wwe. Rörsch, die Dienstmagd Trieb im Lippert ’schen Hinterhaus. Die Frau Gehrer war beim Herausschauen aus dem Fenster überrascht worden. Die Zimmerdecke lag auf ihrem Rücken, Kopf und Arme, von Blut überströmt, hingen starr nach der Straße herab. Diese und ihr Sohn, dessen Arm über ihrer Schulter hervor- ragte, waren die einzigen Leichen, welche von außen sichtbar waren.

Zu alledem nehme man noch den jammernden Klang der Sturmglocken, die nächtliche Dunkelheit, das Wehklagen der Hinterbliebenen, das rastlose Durcheinanderlaufen der Bewohner aus dem ganzen bedrohten Stadtteil, die aus Furcht vor weiterem Stürzen des Berges halbnackt mit ihren Kindern und Habseligkeiten flüchteten, dann den brausenden Strom, der in dieser Nacht rasch zu steigen begann und nicht bloß den Raum zwischen Eisenbahn und Ufer, sondern auch die Hauptstraße bis dicht an die Unglücksstätte überflutetete, und man hat (nur) ein schwaches Bild von einer Schreckensnacht wie sie schauerlicher kaum gedacht werden kann.