Kaub – Geschichten: Der Cauber

(Ein Charakterbild, entworfen von August Wilhelm Lex, ev. Pfarrer in Kaub von 1853-1869)

„Den Weingarten Deutschlands bewohnen gesunde, lebensfrohe Menschen; wer unter ihnen weilt, überzeugt sich bald, daß sie noch Mark im Gebein und das Herz auf dem rechten Flecke haben.“

Simrock

„Schiffische“ (Schiffer und Steuerleute) und „Leienbrecher“ (Bergleute in den Schiefergruben) bilden vorzugsweise die Bevölkerung von Caub. Beide Volksklassen sind nach Lebensweise und – wie viele wollen – auch nach Abstammung wesentlich verschieden.

Die Schiffischen haben einen guten, nicht selten ausgezeichneten Verdienst, einzelne jährlich 3000 bis 4000 Gulden. Sie führen ein gutes, oft üppiges Leben und zeigen einen Luxus in Kleidern und Geräten, der ihre Verhältnisse weit übersteigt. Ihre Frauen und Töchter tragen nicht selten Kleider im Werte von 70-80 Gulden. Sie kommen am ganzen Rheinstrome, von Straßburg bis Rotterdam, umher und lernen dadurch andere Menschen, Sitten und Gebräuche mehr oder weniger kennen. Nichts desto weniger, und obwohl sie während der guten Jahreszeit fast stets vom Hause entfernt sind, lieben sie doch von Herzen ihre von hohen Bergen umgebene Heimat. Selten hört man von Schiffern, die zur See gegangen, und wenn es einmal geschah, dann ergriff sie bald das innigste Heimweh und führte sie bald wieder in die „traute Heimat“ zurück. Aus dieser Heimat- liebe möchte sich auch der Patriotismus erklären, den sie während der Napoleonischen Zwingherrschaft an den Tag legten, und der ihnen, namentlich bei Blüchers Rheinübergang einen Platz in der Geschichte sichert.

Der Leienbrecher ist ihnen gegenüber ein globae adscriptus (an der Scholle haften- der) und wird mit Hochmut behandelt, dennoch verdient er die vollste Achtung. Der Schieferbau, der früher nur lässig betrieben wurde, hat sich in neuster Zeit durch den Aufschwung der Gewerbe und den Fortschritt der Wissenschaft bedeutend gehoben, zumal das Produkt des Cauber Bergbaus sich durch Güte, Farbe und Haltbarkeit vorteilhaft auszeichnet. Der Cauber Schieferbau beschäftigt gegenwärtig (1859) über 300 Bergleute. Bei allem dem belebt den Cauber Leienbrecher nicht der an anderen Orten (z.B. im Erzgebirge und selbst in einzelnen Teilen unseres Herzogtums) herrschende Bergmannsgeist. Die Cauber Bergleute haben keine eigene Tracht, keine Knappschaftskasse, keine Bergfeste, wenig von der bergmännischen Sprache, und ihre Arbeit („Schicht“) ist auf die Zeit des Tages beschränkt. Ihr Lohn ist sehr gering; 5 Gulden und oft noch weniger wöchentlich. Dabei müssen sie sich Licht, Pulver und Handwerksgeschirre stellen. Und dennoch sind sie genügsam und heiter und freuen sich nach des Tages Last und Hitze im Kreise der ihrigen – sowie auf Fastnacht und an den Kirmestagen bei ihrem Sticherlingsgelde (Geld, das die Grubenbesitzer 3 oder 4 mal an ihre Arbeiter auszahlen) – auf das herzlichste. Man sieht bei dem Cauber Bergmanne, wie wenig der Mensch bedarf, um zufrieden und heiter zu sein.

Beide Volksklassen sind auch im Äußeren verschieden. Während der Leienbrecher im allgemeinen blaß und weniger sicher in seinem Auftreten ist, tritt der Schiffische selbstbewußt und nicht selten elegant (besonders im Weißzeuge) auf, hat eine gesunde, blühende Gesichtsfarbe, eine laute, etwas singende Sprache und stützt, wenn er steht, das Gewicht des Körpers (eine Folge der Schwankungen des Schiffes) auf beide Füße.

Den Matrosen läßt au6erdem die Kleidung erkennen. Er trägt in der Regel eine lange, hochrote oder hellblaue wollene Jacke mit beinenen Knöpfen, den Kopf mit einem breitrandigen Hute oder einer leichten Mütze bedeckt. Dabei führt er, wie jeder Schiffer, das Schiffermesser (ca. 35 cm lang und oft mit kostbarer Griffeinlage), das er in einer hölzernen Scheide in der Weite seiner Hosen birgt. Bei einzelnen Gelegenheiten, namentlich an dem jährlich am Dreikönigstage wiederkehrenden Schifferfeste (dem alten Zunftfeste der Schiffer) verausgabt der Schiffische viel und hält streng darauf, daß nur von Schiffischen abstammende Schiffer und Steuerleute an dem Feste teilnehmen. Wie in den höchsten Kreisen der Gesellschaft muß der Schiffische seine Ahnenprobe bestehen.

Daß es bei dieser im innersten Wesen beider Volksklassen begründeten Verschiedenheit bisweilen zu gegenseitigen Reibereien und selbst Streitigkeiten kommt, ist erklärlich, und wenn der Schiffische den Leienbrecher eine „Landratte“ nennt, so erinnert dieser spöttisch an den Steuermann, der, als er das Taschentuch vergessen, seiner Frau durch das Sprachrohr: „Nummer 968“ zurufen ließ.

Beide finden jedoch auf neutralem Gebiete, in dem Weinbaue ihre Vereinigung. Wie die Gegend um Caub durch den Mangel an Bäumen und die überall dem Auge entgegentretenden Reben auf den ersten Blick auffällt, so bezieht sich auch alles Denken und Streben der Bewohner der Gegend auf die Pflege des Weinstocks, der sie jeden berufsfreien Augenblick widmen. Es ist wahrhaft ergreifend, zu sehen, wie im Frühjahr die Menschen, mit schweren Düngerlasten beladen, die steilen Berge hinan- klimmen, um ihren Lieblingen Nahrung zu bringen. Das Wetter des ganzen Jahres (vom ersten Januar bis zum letzten Dezember) wird allein auf den Rebstock bezogen.

Er wird im Haus und auf der Straße, in engern und weitern Kreisen besprochen, und ein paar Sonnenblicke bei trübem Wetter sind oft hinreichend, die Hoffnung des Winzers ebenso zu heben, wie sie nicht selten nur einige Regentage danieder zu drücken vermögen. Es läßt sich darum denken, wie niederschlagend die letzten Mißjahre auf die Stimmung einwirken mußten, wie aber auch das Jahr 1857 eine Freude hervorrief, die sich überall in heitern Mienen und nicht selten sogar im lautesten Jubel äußerste. Bei dieser Liebe zum Weinstock ist es erklärlich, wie jeder, auch der ärmste, keinen innigeren Wunsch hegt, als in den Besitz eines eigenen „Wingerts“ zu kommen. Und mag es auch sein, daß der Wein, den er erntet, längst im Besitze vermögen- derer Leute ist, er freut sich doch, wenn die „Lese“ kommt, und bringt mit dem reichen Mitbürger gern seine Gabe an Trauben Geistlichen, Lehrern und Freunden dar. Denn das ist ein schöner Zug im Charakter des Caubers, daß er gern, wenn Gott ihm einen reichen „Herbst“ beschert, nach allen Seiten hin mitteilt und sich von Herzen freut, wenn er andere froh und heiter erblickt.

Es ist dieses Folge seiner natürlichen Gutmütigkeit, aber auch seines frommen religiösen Sinnes, der zu der Eigentümlichkeit seines Wesens gehört. Fern von aller Kopfhängerei (die überhaupt dem Rheinländer fern liegt) wohnt er fleißig dem Gottesdienste bei, und der Schiffer stößt nicht vom Lande, der Bergmann tritt nicht in die Grube, ohne vorher zu beten.

Ja, kein Haus wird getroffen, in dem nicht ein gutes Gebetbuch (in der Regel ein „Stark“ oder „Zollikofer“ sich findet.

Körperlich ist der Cauber wohlgebildet und kräftig, was die jährlichen Konskriptionen bezeugen. Bei allem dem erreicht er kein hohes Alter. Achtzigjährige, wie sie auf dem Westerwalde häufig gefunden wer- den, sind in Caub eine Seltenheit; aber man darf der Überzeugung leben, daß der Branntweingenuß nicht die Ursache der früheren Sterblichkeit ist. Der Branntwein ist beinahe gar nicht in Caub bekannt, und selbst das Bier findet geringe Teilnahme. Bierwirtschaften, die zeitweise auftauchten, sind allmählich wieder verschwunden. Dagegen floriert der Wein. Zum größten Teile aus Kleinberger Trauben gezogen, ist er sehr „süffig“, wenn er auch keine lange Haltbarkeit hat. Sein Genuß gibt dem Cauber den heiteren Sinn, der den Rheinländer auszeichnet, aber nicht selten auch zum Leichtsinne führt.

In geistiger Rücksicht ist der Cauber geweckt und bereit zum Guten. Das Wahre und Edle ergreift er mit hoher Begeisterung, nicht selten erkaltet sein feuriger Eifer wieder und sinkt auf das gewöhnliche Maß herab. Er braust leicht auf, ohne es im Herzen böse zu meinen. Er kommt daher oft wegen Wortstreitigkeiten vor Amt und ist nicht selten wegen Vergehen, die er in der Hitze begangen, in üblerem Lichte er- schienen, als er in der Tat verdiente. In seinem Benehmen gegen andere ist er bieder und herzlich und kennt keine Tücke. Nach einem Streite ist er schnell zur Versöhnung bereit. Dabei ist er voll Lebenslust, Witz und Schalkheit, und wer ihn von dieser Seite auffaßt, wird gewiß auf das freundlichste mit ihm verkehren. Nimmt man dazu, daß in seinem Hause fast holländische Reinlichkeit herrscht, daß er in hohem Grade tätig und fleißig ist, so da6 im Sommer schon um 2 Uhr morgens die Arbeit beginnt, dann wird man gewiß seine Achtung einem Volksstamme nicht versagen, der mit französischer Lebendigkeit deutschen Fleiß, deutsches Gemüt und deutsche Biederkeit einigt, und um so lieber und mit vollem Herzen in die Worte des Dichters einstimmen:

„Zieh gern an den Rhein,
zieh gern an den Rhein
Mein Freund,
ich rate dir gut!“

Wie sagt ein lat. Sprichwort: „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis – Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen.“