Kaub – Geschichten: Die Belagerung der Stadt Kaub 1504

Im Jahre 1503 brach der sogenannte bayerisch-pfälzische Erbfolgekrieg aus, in welchem auch Kurfürst Philipp von der Pfalz wegen Erbansprüchen seines Sohnes, Pfalzgraf Ruprecht, auf Bayern-Landshut, verwickelt war. Dieser blutige Krieg dauerte bis zum Jahre 1507; seine Ursache war folgende:

Herzog Georg der Reiche in Bayern (Landshuter Linie) hatte seine einzige Tochter Elisabeth mit dem Pfalzgrafen Ruprecht, seinem Neffen, vermählt undihn testamentarisch zum Erben seiner Braut eingesetzt, obgleich dem Reichsgesetz zufolge der Münchener Linie des bayerischen Fürstenhauses die Erbschaft hätte zufallen müssen. Als nun Herzog Georg am 1. Dez. 1503 gestorben war, belehnte Kaiser Maximilian I. den Herzog Albrecht (Münchener Linie) mit den Ländern Georgs. Aber weder Ruprecht, noch seine Gemahlin gaben sich mit dieser Lösung zufrieden. Sie fielen vielmehr in die ihnen testamentarisch vermachten Lande ein und ließen sich huldigen. Da belegte sie am 4. Mai 1504 der Kaiser mit der Reichsacht. Kurfürst Philipp trat offen auf die Seite seines Sohnes, und die Folge davon war, daß auch der Kaiser, Herzog Albrecht und eine ganze Anzahl großer und kleiner Fürsten ebenfalls rüsteten. Sie alle waren nämlich eifersüchtig auf die pfälzische Macht, und von allen Seiten fielen sie deshalb in die unglücklichen pfälzischen Lande ein, wo ein jeder etwas für sich zu „haben“ hoffte.

Dem Kurfürsten wurde bei der Menge der Feinde angst und bange; er wandte sich deshalb an den Kaiser und bat um Einstellung der Feindseligkeiten – doch vergebens. Nur der junge, schneidige Pfalzgraf Ruprecht verzagte nicht, ja sein Selbstvertrauen war so groß, daß er eine Münze schlagen ließ, worauf zwei Knaben einem Löwen den Rachen aufreißen. Mit folgendem Spottreime als Inschrift der Münze begrüßte er die gewaltige Schar seiner Feinde:

„Ich will bleiben Pfalzgraf am Rhein
Und widerstehen allen Feinden mein.
Und Pfalzgraf Ruprecht bleibe ich,
Eine neue Münz vermag ich,
Der ganze Bund steht wider mich,
Dawider streit ich ritterlich.“

Einer seiner schlimmsten Feinde war der Landgraf Wilhelm von Hessen, der mit der größten persönlichen Erbitterung Feuer und Schwert in die Rheinpfalz trug. Wie zu einem Kreuzzuge auf Beute und Abenteuer hatten sich ihm eine ganze Reihe von Fürsten und Herren angeschlossen, so z.B. die Herzöge von Braunschweig und Mecklenburg, die Grafen von Lippe, Waldeck, Solms und Königstein.

Nach einem wüsten Raubzug durch die pfälzischen Orte an der Bergstraße, durch die reichen Ämter Oppenheim, Alzey und Kreuznach, richtete der Landgraf von Hessen auch sein Augenmerk auf Kaub. Sein ganz besonderes Interesse erweckten wohl Kaubs große Geldkisten, die durch die reichen Zollgefälle inwendig gar „golden“ aussahen. Am 18. August erschien der Landgraf vor Kaub auf der Bildfläche, und nun ging der Tanz los! Welche Stellung er mit seinem Heere eingenommen, scheint nicht ganz festzustehen, denn die einen Geschichtsschreiber behaupten, er hätte von der linken Rheinseite aus Kaub belagert und beschossen, während die anderen vermerken, daß er auf einem Berge der Stadt gegenüber, nämlich auf der Bacharach gegenüber liegenden Rheinseite sein Lager aufgeschlagen habe. Beide Ansichten sind wohl zutreffend. Denn wahrscheinlich hat der Landgraf zuerst versucht, Kaub von der linken Rheinseite aus zu beschießen. Als er sah, daß viele Kugeln ihr Ziel verfehlten und im Rhein versanken, kam er herüber auf die rechte Rheinseite an oben bezeichnete Stelle (heutige Adolfshöhe), wo noch Reste der Verschanzung zu finden sind.

Die Belagerung dauerte 39 Tage, während welcher der Landgraf Burg und Stadt unaufhörlich beschoß. In Kaub selbst lagen 1500 Mann pfälzischer Besatzung, die sich heldenmütig verteidigten. Sie waren etwas sparsamer mit dem Schießpulver als der Landgraf und schossen nur, wenn die Hessen von den hohen Bergen herunterkamen und sich die in den Wingerten zu reifen beginnenden Trauben zu Gemüte führen wollten. Dann hatte eine Kanonenkugel der Kauber mehr Erfolg, als 10 Kugeln der Hessen, die von der Höhe aus meist ins „Blinde“ schossen.

Wohl waren von dem Landgrafen für viel Geld gar sinnreiche Kriegsmaschinen und -gerätschaften besorgt worden; wohl sandte er „duftende“ Grüße von seiner Stellung herab in die Stadt, indem er aus Mörsern Pech, Schwefel und anderes Brennmate- rial hinabschleudern ließ – aber alles vergebens. Hinzu kam noch, daß fast alle seine Geschütze schon nach dem ersten oder zweiten Schuß zersprangen. „Ob das durch Zufall oder durch Zauberei geschah“ (schreibt der gelehrte Abt Johannes Trithemius), „weiß ich nicht, obwohl damals in Caub ein Fußknecht war, der damit prahlte, er könne durch geheime, um nicht zu sagen feile Kunst alle Geschütze zerspringen machen, wenn er auch nicht gegenwärtig sei, sobald er sie nur von ferne sehe oder ihren Donner höre.“

Burg Gutenfels, Zeichnung aus: Deutsche Burgen, B. Eberhard (1904)

Inzwischen war der pfälzische Heerführer Johann Landschad von Steinach mit 300 Reitern und viel Fußvolk von Kreuznach aus herbeigeeilt und schlug am 28. August auf der linken Rheinseite, dem Feind gegenüber, sein Lager auf. In der Nacht brachte Landschad einen Teil seiner Leute über den Rhein zur Verstärkung der Besatzung in Kaub.

Der Landgraf merkte bald, daß er mit seinen Geschützen von der Höhe aus die Burg und die Stadt nur mit mäßigem Erfolg beschießen konnte. Er ließ deshalb eines Nachts die gewaltigen Kanonen (Kartaunen genannt) an Ketten den Berg hinab- schaffen, um sie unten am Abhang in günstigere Schußposition zu bringen. Als das die Kauber im Morgengrauen gewahrten, lie6en sie sogleich einen furchtbaren Kugelregen auf die Hessen niedersausen, so daß diese ihre Kartaunen alsbald im Stich ließen und ausrissen. Sie müssen sich bei dieser Flucht ziemlich weit abgesetzt haben, denn in der darauffolgenden Nacht wagten sich einige beherzte Männer aus Burg und Stadt heraus, bemächtigten sich der schweren hessischen Mordinstrumente, zogen sie zum Rheinufer hinunter und brachten sie unter großem Jubel der ganzen Besatzung in die Stadt.

In der Nacht vom 4. auf den 5. September gegen 11 Uhr brach durch die sträfliche Unvorsichtigkeit eines Mannes, der Pulver in die Nähe des Feuers gebracht hatte, ein Großbrand in der Stadt aus, wobei 20 Häuser eingeäschert wurden und 11 Menschen jämmerlich umkamen.

Am 7. September kam der junge pfälzische Kurprinz mit 500 Mann zu Pferd und 600 Mann zu Fuß von Heidelberg her den Kaubern zu Hilfe. Am selben Tag trafen aber auch zur Verstärkung des landgräflichen Heeres der Herzog Heinrich von Braunschweig und der Graf von Lippe mit 2000 Mann ein. Trotz deren Unterstützung sah sich der Landgraf gezwungen, am 25. September die Belagerung aufzuheben, weil er einsah, daß er den Belagerten nichts anhaben konnte.

Sein Schaden an zerbrochenen Geschützen und an sonstigem unbrauchbar gewordenen Kriegsgerät war sehr groß. Er ließ deshalb zum Rückzug blasen und marschierte ab. Sein Heer war in einem so trostlosen Zustand, daß viele seiner Soldaten zerlumpt, verwundet und krank auf Wagen in ihre Heimat zurückkehren mußten.

Eine alte Steintafel an der Mauer des ehemaligen Rheinzollamtes in der Zollstraße verkündet bis heute die denkwürdige und tapfer überstandene Belagerung von 1504 mit folgenden Reimen:

„Die Jar von crist geburt man zalt
fünffczehenhundert vnd vier alt
Von sontag nach mari himelfert
wart cub sechsthalb woche belegert
Mit gaczer macht vnd heres crafft
durch hessen die lantgraueschafft
Nunhundert steyn gehauwen
als jr die groiß hie wol schauwen
Und echthundert drissig echt gegossen
sint fonde worden vo den verschossen
On die zerbroche vnd verlore syn
auch etlich versuncken jn den ryn
Und wie wol daß schloß nit wz erbwe
als es sit der zyt her von nuwen
Von pfaltzgraue Ludwig worde beuest
noch danoch mußte die frembde gest
Cub by der paltz lassen bliben
das wir gottes gnade zu schriben
Und auch der werhafften handt
dies behelt all vatter landt“