Kaub – Geschichten: Episode aus der Neujahrsnacht 1813/14

nach einer mündlichen Überlieferung, aufgezeichnet von Chr. Emil Greiff,
St. Goarshausen 1913

„Der Schreiber dieser Begebenheit, einer der ältesten Familien St. Goarshausen entstammend, ist im Jahre 1842 geboren. Er hat in seiner Jugend von den Leuten, die zur Zeit der Freiheitskriege lebten, viele Einzelheiten erfahren und kann für eine wahrheitsgetreue Wiedergabe bürgen.

Bei diesem Brückenschlag waren außer den Kauber Schiffern eine ganze Anzahl hiesiger Einwohner beteiligt. Dieselben waren ja von Beruf Fischer und Winzer und waren daher mit dem Wasser wohl vertraut. Sie wurden am Abend von Brandenburger Jägern hier abgeholt und über Bornich nach Kaub gebracht. Von einem jungen Manne, der auch dabei war, wurde dem Schreiber dieser Zeilen der ganze Verlauf öfters genau erzählt. Dieser Mann, namens Gottfried Menges, der von Beruf Maurer war, machte diesen Umstand bei der Abholung geltend, in der Hoffnung, da- heim bleiben zu können. Doch der Sergeant nahm die Liste hervor, sah nach und sagte, er habe wohl recht, aber der Schultheiß habe bemerkt, er sei zwar Maurer, doch zu Wasser und zu Land sei er zu gebrauchen. Die hiesigen Beteiligten und einige Leute aus Wellmich, einem Ort etwas stromabwärts, waren mit in den ersten Nachen (sog. Ankernachen, die zu der Zeit fast ausschließlich zum Transport von Schiefer, Wein und anderer Gegenstände benutzt wurden). In jedem Nachen waren außer 10-12 Mann, die bei jeder Fahrt übergesetzt wurden, 4-5 Schiffer, vorn und hinten ein Soldat mit geladenem Gewehr. Unsere Leute waren mit den ersten am anderen Ufer. Dort angekommen, rief einer derselben begeistert Hurra, worauf die übrigen in den Ruf einstimmten. Da jedoch der Mannschaft die strengste Ruhe anbefohlen war unter Androhung von strengstem Arrest, bekam unser Mann, namens Heinrich Klein III., es mit der Angst zu tun. Wieder am rechten Ufer angekommen, gab er vor, eine nicht aufschiebbare Arbeit erledigen zu müssen und verschwand, scheinbar zu diesem Zweck, im Gebüsch, aus dem er je- doch nicht wieder hervorkam. Er hielt sich einige Tage verborgen und kam auch schließlich davon. Infolge des guten Verlaufs des Krieges wurde er wohl wegen dieser Angelegenheit nicht mehr zur Rechenschaft gezogen.

Mein Gewährsmann Gottfried Menges wurde anfangs 1814 hessischer Soldat und kam nach Beendigung des Krieges zu den Besatzungstruppen und hielt sich mehrere Jahre in Frankreich auf. Dort wurde dem- selben dann auch nach längerer Zeit von seinem Hauptmann beim Appell die Belohnung für seine Beihilfe beim Rheinübergang überreicht. Es war dem Mann immer eine Freude zu erzählen, wie der Hauptmann ihn vor die Front rufen ließ und zu ihm sagte: „So, mein Sohn, du warst auch beim Rheinübergang als Schiffer. Das war brav von dir“, worauf er ihm noch aus eige- ner Tasche ein Geschenk gab. Er erhielt auch 1863 bei der fünfzigjährigen Gedenkfeier die Erinnerungsmedaille und nach 1870 wurde ihm auch der „Ehrensold“ bewilligt, dessen er sich noch mehrere Jahre erfreuen durfte.“